27.03.19

Messe lesen

Es war ja gerade die Leipziger Buchmesse. Ein riesiges Event. Und tatsächlich, dem Vernehmen nach drängten sich dort nicht nur die Verlage, sondern Autoren - und, viel erstaunlicher - Leser!
Ja, man sieht, es gibt sie noch.
Für die Leser war das natürlich, nach allem Aufwand, hin und hinein zu gelangen, ein ausgesprochen angenehmes Erlebnis, endlich unter Lesern zu sein. Jeder hatte das schöne Gefühl, sich endlich unter Gleichgesinnten zu fühlen.
Denn, selbstverständlich, an diesem Ort sind überall Menschen, die sich in Welten verlieren können.
In hunderttausend verschiedenen Welten.
Was sie gemeinsam haben, ist eben das Hinzugewinnenwollen und das Sichverlierenwollen.
In welchen Büchern auch immer, welchen Genres, von welchen merkwürdigen Autoren geschrieben und obskuren Verlagen verlegt.



Außer natürlich: der/die/das wäre als rechts bekannt.
Das ist das, was man in den letzten Jahren von diesen Events hörte, - mehr als von Büchern, die neu und aufregend gewesen wären.
Man hörte, dass es in einer Demokratie bekanntlicherweise nur eine Denkrichtung gäbe, nur eine aller möglichen Denkseiten geben darf. Daher hätte man diese Unaussprechlichen der anderen Seite zu meiden.

Was aber genau da sozusagen falsch geschrieben und falsch verlegt steht und gemieden werden muß, wurde nicht näher mitgeteilt.
Nur: es wäre eben die unberechtigte und damit eindeutig gefährliche Seite.
Als Leser, der eigentlich nur gekommen ist, um zu lesen, habe man beim Schlendern gegebenenfalls die engagierten Schreier zu unterstützen, die neben einem aufmarschieren, mitten unter den Büchern. Man habe bei denen zu sein, die gegen das Unaussprechliche anbrüllen. Einfach mal reden darf man mit dem Nichtseiendürfenden jedenfalls nicht.
Als Leser nicht und nicht als sonstwer.

Offenbar kommen die Leser und einige machen, was gewollt ist.

Nun, wir waren noch nie dabei. Wir kennen sie alle nicht. Wir wollen aber auch nicht dahin gehen, wo einer den anderen bebrüllt, egal, wer das ist. Ich brülle ja hier daheim auch nicht meine Nachbarn an.

Was rainStein vielleicht noch unterscheidet: Hier gibt es Bücher, die nicht verbieten, vergiften, sondern über wirkliche Gefahren schreiben - mehr noch über Lösungen. Und die gegen echten Judenhass - da, wo er wirklich ist - anschreiben. Bücher, die berichten und die verstehen lassen. Werbend, ohne niederzubrüllen.

20.03.19

Warum immer wieder diese "Winde über Jerusalem"?


rainStein, das wissen einige, lädt gemeinsam mit den Klezmerschicksen seit Jahren zu einer Veranstaltung ein, die nennt sich "Winde über Jerusalem" (ein Buchtitel aus dem rainStein Verlag).

Manche lockt der Titel, andere finden ihn irritierend.

Die Veranstaltung reicht in Zeiten zurück, als viele der deutsch dichtenden LYRIS-Künstler aus Jerusalem noch lebten und einige sogar nach Deutschland reisen konnten. Das ist nun nicht mehr so. Aber die Abende finden immer noch statt. Warum?


Sie sind längst abgelegt, in Archiven, in Gedenkstätten, auf Friedhöfen und, vereinzelt, in Heimen, irgendwo in Übersee, selten in Europa, mehr in Israel.
Ihre Stimme kennt man nicht mehr und die nachfolgenden Generationen gehen darüber hinweg.

Aber es gibt sie noch. Hier. Auch wenn nicht mehr viele leben - ihre Worte sind da, ihre Zeugnisse, darin aufgehoben, sind lebendig, wir spüren in den Texten, in von rainStein herausgegebenen Büchern ihre Lebenslust und ihre Lebenstrauer. Ihre Botschaften! Die Botschaften an uns.
An uns, weil wir diejenigen sind, die sie verstehen. Weil wir diejenigen sind, die ihre Sprache sprechen und uns mühen können, sie zu verstehen und zu hören und so (wenn wir nur wollen! mehr als auf Stolpersteine zu treten!) den lebendigen Zeugnissen Aug in Aug, Ohr in Ohr begegnen.




18.03.19

Irrtum



Oh, Verzeihung, es war keine Absicht.
Wir wollten hier beileibe nicht so häufig darüber schreiben. 
Aber so ist das - der Grund, warum wir uns für den Respekt vor Juden 
und Israel einsetzen, hört einfach nicht auf, aktuell zu sein.

Keine Woche war es her, daß im Französischen Dom zu Berlin ganz offiziell von Staat und Kirchen Brüderlichkeit beschworen und zum Kampf gegen Judenfeindschaft aufgerufen wurde. 
Da geschahen zwei Dinge auf einmal: Nach anhaltend großem Druck seitens Israel und USA hinderten deutsche Behörden in letzter Sekunde eine verurteilte und reuelose Judenmörderin daran, mitten in Berlin für judenmörderische Ideen zu werben.

Und nur einen Tag zuvor geschah es, daß das oberste deutsche Parlament tagte, um seine Haltung gegenüber Juden und deren einzigem Staat zu klären. Und, in Konsequenz, die Position der deutschen Bundesregierung in internationalen Abstimmungen gegenüber Juden und dem einzigen jüdischen Staat dieser Welt zu klären.
Die FDP, u.a. auf Betreiben eines Exiliraners, hatte einen wohlformulierten Antrag eingebracht.

Natürlich stimmten die anwesenden FDP-Abgeordeten für den Antrag, der das israelfeindliche Abstimmungsverhalten Deutschlands in internationalen Gremien (nicht nur in der UN) hin zu Auswogenheit und Fairness ändern wollte.
Überraschend: fast alle AFD-Abgeordneten stimmten ihren FDP-Kollegen zu.
CDU und SPD hingegen lehnten den Antrag ab. Die Grünen enthielten sich. Bei den Linken und der CSU fand sich je ein Abgeordneter, der den FDP-Kollegen zustimmte.

Wie Prof. Wolfsohn richtig feststellt: Die AFD kann man jetzt, nach der Abstimmung, plötzlich nicht mehr als judenfeindlich bezeichnen, die übrigen Parteien, ausgenommen FDP - wenn Taten, nicht Worte zählen! - zu unserem Entsetzen aber nun schon.

Tweet-Kommentar der FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zum Abstimmungsergebnis: "Während die Hamas Raketen auf Israel feuert, stimmt Bundestag mit Stimmen der GroKo & Linken bei Enthaltung der Grünen gegen einen Antrag auf Neuausrichtung der deutschen Israelpolitik in der UN. Es ist beschämend."



Auszüge aus der FDP-Resolution:

Seit Jahrzehnten verabschieden verschiedene Gremien und Sonderorganisationen der Vereinten Nationen (VN) eine Vielzahl an Resolutionen, in denen ausschließlich Israel verurteilt wird, während andere Akteure des Nahostkonflikts nicht benannt oder zu Verhaltensänderungen aufgefordert werden. Deutlich weniger Resolutionen richten sich an alle übrigen Mitgliedstaaten der VN. Dadurch besteht ein erhebliches Ungleichgewicht an Verurteilungen durch die VN zuungunsten Israels. Deutschland und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union unterstützen diesen gegen Israel gerichteten Kurs häufig durch Zustimmung zu den einschlägigen VN-Resolutionen.

Die VN-Generalversammlung hat 2018 21 Resolutionen verabschiedet, in denen Israel verurteilt wird, von insgesamt 26 Verurteilungen von Staaten durch Resolutionen. Nach Angaben des Auswärtigen Amts stimmte Deutschland 16 dieser Resolutionen zu und enthielt sich bei vier weiteren der Stimme. Demgegenüber stehen im gleichen Zeitraum nur jeweils eine einzige Resolution zu Ländern wie Iran, Nordkorea und Syrien. Beschlüsse, die das Handeln anderer Akteure des Nahostkonflikts, wie der Terrororganisation Hamas, verurteilen, sucht man in den Resolutionen zum arabisch-israelischen Konflikt in der Regel vergeblich. Im Dezember 2018 scheiterte in der VN-Generalversammlung der Versuch, zum ersten Mal die Hamas für ihre terroristischen Aktivitäten in einer Resolution zu verurteilen. Die Resolution fand keine ausreichende Mehrheit im Plenum der VN-Vollversammlung, insgesamt 58 Staaten stimmten gegen die Initiative.

Von den durch die UNESCO verabschiedeten 47 Resolutionen zwischen 2009 und 2014, in denen einzelne Länder wegen vermeintlicher Verstöße gegen UNESCO-Grundsätze verurteilt wurden, richteten sich 46 gegen Israel.

Das rein zahlenmäßige Bild macht deutlich, dass mit Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten in verschiedenen VN-Gremien um ein Vielfaches häufiger für teils unterstellte Regelbrüche und Menschenrechtsverletzungen verurteilt wird, als autoritäre Regime in der Region oder weltweit. Dieses erhebliche quantitative Ungleichgewicht der Verurteilungen durch VN-Resolutionen besteht seit vielen Jahren. Dass dies die Realität tatsächlicher Verstöße gegen VN-Regeln oder der Menschenrechtslage in den verschiedenen Staaten der Welt nicht annähernd widerspiegelt, scheint offensichtlich. Es muss deshalb thematisiert werden, inwieweit eine Mehrheit der VN-Mitgliedstaaten einen völlig anderen Maßstab an Israel anlegt als an jedes andere Mitgliedsland der Weltorganisation. Eine andauernde zahlenmäßig überproportionale Verurteilung Israels geht im Gesamtbild weit über legitime Kritik hinaus und ist nur vor dem Hintergrund einer beabsichtigten Delegitimierung Israels durch eine signifikante Zahl von VN-Mitgliedstaaten erklärbar.
Daher ist es ... dringend geboten, das deutsche Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen zu ändern. 





12.03.19

Einer

An einem Sonntag in einer Kirche...
Nein, nicht in einem Gottesdienst.

Volles Haus! Das ist ja schon besonders. Warum Andrang herrscht, wissen wir eigentlich nicht. Weil viele eingeladen haben? Weil es schöne klassische Musik gibt, gespielt von jugendlichen Musikern, die sich hier ihren freien Tag um die Ohren schlagen? In einem so wunderbaren Gebäude, wo man gerne (und warm an diesem naßkalten Tag) sitzt?
Oder sollte es wirklich das Thema sein, das die Leute so zusammenbringt?

Das Thema berührt auch rainStein: Gemeinsam gegen Judenfeindschaft.

Wozu sonst die rainSein-Bücher, seit Jahren, die, fast schon vorhersagbar, wieder und wieder um dieses Thema kreisen: vergangene Judenfeindschaft, heutiger Israelhaß. Und natürlich wollen die Bücher nicht nur Berichterstatter sein, sondern Aufklärer und Beweger und Anreger, damit man sieht und weiß und neu denkt - nicht abwehrt, abschüttelt, übersieht und falsch versteht.

Ja, viele Reden werden an diesem Sonntag gehalten. Es reden die Gastgeber, ein Politiker, Bischöfe beider Kirchen, ein Rabbiner, und - als eigentlicher Festredner - ein noch höherer Kirchenvertreter.
Sie legen sich ins Zeug, es ist von nötigem Mut, Moral, Widerstand die Rede. Aber es klingt, als hätten manche selbst nicht allzuviel damit zu tun.
Mensch, wo bist du? heißt es im Motto.
Wo stehen diese Redner?
Man weiß nicht, ob alle wissen, wovon sie reden? Einige scheinen nicht recht informiert zu sein. Wissen sie, wo sie stehen?

Die Gefahren, die jeder kennt, der sich um Juden sorgt, die werden kaum benannt.

Nun gut: Der Festredner weiß immerhin um die tödliche Bedrohung, in der sich der jüdische Staat an allen seinen Grenzen befindet, durch Iran/Hisbollah/Hamas/Muslimbruderschaft etc. Ohne obligatorische, rituelle Kritik am Judenstaat kommt zwar auch er nicht aus, die ist wie eine Decke, die er hochhält, damit er die existentielle Gefahr überhaupt ansprechen darf.
Gleichzeitig verzichtet er aber in aller Vorsicht und Rücksicht darauf, die Politik der Deutschen zu erwähnen. Eine Politik, die sich in UN und EU regelmäßig gegen den jüdischen Staat stellt und gleichzeitig Freundschaft mit denen bekundet, die die Vernichtung von Juden zum Staatsziel haben.

Doch ein Redner ist da, der deutlich genug die wahre Lage benennt. Es ist, wohl kein Zufall, der einzige Jude, der spricht.

Er ist es, der sagt: Judenfeindschaft war schon immer da und wird bleiben. Nicht verwunderlich ist ihr giftiges Wirken bei links wie bei weit rechts. Verwunderlicher ist es, den judenfeindlichen Virus heute offen in der Mitte zu finden, mitten in der liberalen, linken, konservativen Gesellschaft, mitten in den Medien, der Politik. Eben da ist das Gift.
Das zeigt alle Erfahrung, erweisen alle Studien der letzten Jahre: Es herrscht im europäischen Mainstream spürbar Feindschaft gegenüber den lebenden Juden wie gegenüber dem Staat der lebendigen Juden, der weltweit einzigen Heimstatt der heutigen, handelnden Juden. (Notdürftig kaschiert als Israelkritik).
Diese moralische Umkehrung wird zahlenmäßig unterstützt durch Millionen Menschen, denen Judenfeindschaft von Kindesbeinen an beigebracht wurde und wird. Sie sind zumeist erst seit Kurzem hier im Land.

Man könnte hinzusetzen: Judenfeindschaft ist auch inmitten der Kirche. Davon allerdings spricht heute niemand.

Mensch. Wo bist du.

06.03.19

Siebenundneunzig!


Vor wenigen Tagen ist es rainStein gelungen, ein Buch sehr pünktlich heraus zu bringen: Zu einem 97. Geburtstag! Den feierte man dann in Berlin-Zehlendorf auch fröhlich und ausführlich... Siebenundneunzig wurde Verena von Hammerstein! Und das Buch, das ihr präsentiert wurde, heißt: Verena von Hammerstein und ihre jüdischen Freundinnen. 


Ein Buch, das über einen Zeitrum von 13 Jahren entstanden ist. Mit Pausen, aber in einem unentwegten Gespräch.

Ist es ein Kennzeichen des 20. Jahrhunderts, das ein Mensch, der an seinem Anfang geboren wurde, nur so darüber berichten kann? Nicht über eigene Großtaten, nicht über eigenes Leid und eigene Freuden - oder das doch viel weniger - als darüber, wie es den Juden erging?

Es gibt natürlich Unterschiede. Verena von Hammerstein stammt nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz (auch wenn sie seit fast siebzig Jahren Berlinerin ist). Sie berichtet, wie sie schon in ihrer frühen Kindheit innig mit ihren jüdischen Freundinnen verbunden war - und heute noch ist. Wie sie eben damals dennoch danebenstehen und zusehen oder nur Briefen entnehmen mußte, welcher Schrecken ihren Freundinnen auf der Flucht oder im Widerstand geschah.
Ihre beste Freundin wurde Widerstandskämpferin in der französischen Resistance.
Mut und unaussprechliches Leid auf der einen - Hilflosigkeit und das Bemühen, Hilfswege zu finden, auf der anderen, das bestimmte die verschiedenen Lebenswege der Freundinnen fortan.

Wie wird man damit fertig? Das Buch erzählt die Dramatik: mit Dokumenten, Tagebüchern, Briefen und Fotos, von 1939-1945. Und danach! Denn diese Jahre hatten Folgen, bis hin zu Kindern und Kindeskindern. Ja, die Fragen und Verbindungen, die den Anfang dieser Leben prägten, blieben, bis ins 21. Jahrhundert - und werden, wie an einem roten Faden durch die Schicksale hindurch, an den Leser weitergegeben.




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