19.11.20

Mensch bleiben

 



November 2020. Zweifel und Verzweiflung bei so vielen Landsleuten. Und, ach, nicht nur hierzulande. Ein Virus, das allein durch sein Dasein und als Werkzeug uns aus allem gewohnten Leben reißt, in unabsehbare Zukunft stößt. Und jeder spürt, wie darunter und nach einiger Zeit die eigene Kraft, weiter sinnvoll und frei zu leben, begrenzt ist. Abgründe tun sich auf, draußen, zwischen uns, in uns. Wohin mit der Furcht? Wohin mit der Wut? Wohin, wenn es kaum noch etwas gibt, auf das sich setzen läßt? Womit uns trösten? Was den Kindern sagen? Was müssen wir tun? Welche Worte sind noch richtig? 

Wir haben keine Antworten. Was wir haben, sind mitgeteilte Lebens-Erfahrungen, die wir als Spiegel, Ermutigung, Warnung, Leitschnur, ja, auch zum Trost nehmen können. Hinter unserem Volk liegen Kriege, Inflation, lange und mörderische Diktaturen. Das sollte doch als Erkenntnisquelle und Rüstzeug reichen, auch wenn wir unwillig sind, selbst ebenso und wieder betroffen zu sein von den Seiten des Lebens, die wir verabscheuen.

Stellen wir uns der Realität. Lassen wir uns helfen. Lesen wir erneut in den rainStein-Büchern. Sie berichten aus den letzten einhundert Jahren, eine Schatzkiste an Lebenserfahrung, Lebensmut und Reflexion - vor allem von Frauen.

Anregungen geben eigentlich alle rainStein-Publikationen - und gegenwärtig, ergänzend, jene Beiträge, die, kurz und knapp, im neuen rainStein-youtube-Kanal veröffentlicht werden.

Lernen wir und gehen wir hinein in die Gemeinschaft derer, die wissen wollen, was ist und wie man darin Mensch bleiben kann.

10.11.20

Bücher zum November

 



Es sind nicht die ewig gleichen Themen. Es ist das ewiggleiche Leben. Denn es ist nicht so, daß wir enteilen könnten. Die Realität holt uns ein, wo immer, wann immer.

Wie gern wären wir die Lasten los. Wie gern hätten wir Drohung und Bedrohung hinter uns gelassen und wünschen uns so sehr, endlich die Früchte unserer Mühe und Arbeit zu ernten. Wie sehr wünschen wir uns, zu sagen: Nie wieder! Nie, denn das liegt hinter uns. Es wird nicht mehr sein! Wie sind frei, wir sind ohne Sorgen, der Kampf ist vorbei und die Folgen aller früheren Abgründe, Verbrechen, Kämpfe und das Versagen so vieler sind ebenso - verschwunden.

Es ist aber nicht so. Das Dunkle ist da, bleibt, eingegraben oder offen, und sieht nur manchmal ein wenig anders aus. Manchmal sehr anders. Manchmal sogar wie das Gegenteil dessen, was wir fürchten. Es behauptet auch, das Gegenteil zu sein - aber ist es nicht.

Woran erkennen wir, daß die Drohung den Raum betreten hat? An unserer Furcht, die wächst, ohne daß wir ihren Anfang bemerkt hätten? An dem dunklen Schatten, der über uns streicht? An dem Wort, daß wir nun doch nicht sagen? An der Erkenntnis, daß das, was zu lesen ist, dem widerspricht, was wir wissen?

Es war früher nicht anders. Zwar, was damals war, wird sich nicht wiederholen. Es wird aber wiederkommen - in anderer Gestalt.

Um uns also rechtzeitig zu wappnen, sollten wir uns erinnern, sollten uns orientieren, unseren Sinn und unseren Mut schärfen - wir sollten ihm u.a. begegnen, indem wir Zeitzeugen lesen. Zum Beispiel in folgenden rainStein-Büchern (und in anderen rainStein-Büchern, die hier nicht aufgezählt sind), - sehen Sie weitere Bücher, die Sie begleiten können, unter www.rainstein.de

Marianne

Das Kind im Park

Die Frau mit der Lotosblume

Frei in zwei Diktaturen 

30.10.20

Absurd und surreal

 

"Wieviel mehr, wie völlig absurd und surreal muß es für die Menschen 1940 gewesen sein, die aus normalem Leben heraus plötzlich überfallen, eingesperrt, von Vorschriften eingeengt, mehr und mehr ihrer Rechte beraubt und dann umgebracht wurden?" So steht es auf dem rainStein-blog


Hier der gesamte Text:

Diese Zeit jetzt verlangt so viel. Wer von uns fühlt sich dieser Tage nicht eingeengt, bedroht, ja in seinem Dasein eingesperrt? Wer macht sich keine Sorgen? Wer von uns weiß, wie es weitergeht, mit uns, unserem Leben im nächsten  Jahr - mit allem?

Kein Vergleich: Wieviel mehr, wie völlig absurd und surreal muß es für die Menschen 1940 gewesen sein, die aus normalem Leben heraus plötzlich überfallen, eingesperrt, von Vorschriften eingeengt, mehr und mehr ihrer Rechte beraubt und dann umgebracht wurden? --- Unvorstellbar.

Nachzulesen in unserem jüngst erschienenen Buch von Yvonne Livay Die Frau mit der Lotosblume.  Darin lesen wir die Briefe derer, denen das widerfuhr, wir erfahren vom Schrecken aus erster Hand.

Hierzu ein Leserkommentar von Dr. Angelika B. Hirsch: "Ich habe 'Die Frau mit der Lotosblume' gerade zu Ende gelesen. Es hat mich sehr beeindruckt und mitgenommen. Literarisch ist es natürlich sperrig, und zuerst macht es auch Mühe, weil nicht richtig etwas 'passiert'. Aber dann ist es gerade das, was die Situation so eindringlich macht. Ich fühlte mich so, als wenn ich am Zaun stehe und der Katastrophe im Zeitlupentempo machtlos zuschauen muss."

03.10.20

30 Jahre Deutschland - verspielt?

 

Auf dem Foto sehen Sie einen Ort meiner Kindheit, einen Ort der Freude, der, als Kind war es mir noch nicht bewußt, damals ein Ort des Verfalls war. Wasser und Schlösser hatten hier Kriege überdauert... das Wasser blieb, die Schlösser litten in Zeiten der Diktaturen. In der ersten durch den Krieg. In der zweiten durch Desinteresse und Abwehr.

Eigentlich waren die Schlösser ein Widerspruch in sich: das Volk liebte ihre Schönheit, den Charme von Wohlgestalt, Großzügigkeit, Verspieltheit, die Zeichen von Unbeschwertheit ehemals froher, kulturell anspruchsvoller Zeiten. Die Partei wollte sich mit all diesen schlösser-eigenen Vorzügen im In- wie Ausland ja auch schmücken, andererseits waren diese Bauwerke, leider, Zeichen eines vergangenen wie noch lebenden Klassenfeindes, den es zu bekämpfen, zu negieren und auszulöschen galt. Man - Partei, Staat und Staatsvolk - war eben Instrument des unabwendbaren historischen Fortschritts und dieser Fortschritt erforderte, die schrecklichen Seiten der Schlösserzeit auszustellen, nicht deren Herrlichkeit.

Eine der ersten Dinge, die meine Eltern in ihrem wiedergewonnenen westlichen Deutschland taten, war, dem Verein der Freunde preußischer Gärten und Schlösser beizutreten, nachdem sie den Verfall des oben zu besichtigenden Baukörpers nochmals intensiv wahrgenommen hatten. Der Aufbau dieses Kleinods war ihnen seither ein besonderes Anliegen, gut für zusätzliche Spenden - und Zeichen der neuen Zeit: das Alte sollte wieder gesehen, genossen, bewundert werden - um sich selber froh und frei und erhoben zu fühlen! Um sich verbunden zu fühlen mit den Altvorderen und dem, was man ewige Werte nennen könnte... - schließlich- wozu hatte man zwei Diktaturen bekämpft, überlebt und überwunden? Man hatte es ja fast für immer verloren - hier und jetzt galt es nun, im gemeinsamen Neugewinn jenem vernichtenden Kampf abzuschwören, dem Kampf gegen Andere (im Namen eines moralisch vorgeblich Guten), endlich und für immer.

Meine Eltern können nicht mehr sehen, daß Wasser und Gebäude im Herbstlicht glänzen wie ehedem, aber ihr Traum verdunkelt, gestört, ja verdreht wurde. Durch jene, die erneut all das, was war, umdeuten, abschütteln, denunzieren, verbannen wollen, die von alten Werten der Wertschätzung nichts wissen wollen und sich aufgemacht haben, ihre Gegner auszuschalten. Und dies können.  

Meine Eltern müssen dieses nicht heraufziehen sehen.

Wenn ich das Wasser betrachte, das geblieben ist und die Schönheit, die noch strahlt, dann glaube ich, daß eines Tages die alten Werte wieder leben werden. Nicht jetzt und vielleicht werde ich sie nicht wiedersehen. Aber sie sind stärker. Sie werden zurückkommen.

01.10.20

Und wenn nur eine gerettet wäre...

Und wenn nur eine gerettet wäre...

Für diejenigen, die die ungeheure Schreckenswelt erlebten, war wohl die dringendste Hoffnung, zu überleben. Die zweite, einer der Ihrigen möge überleben.

Und diese Hoffnung war von Anfang an und wiederholte sich, täglich, stündlich - jahrelang.

Für die, die schon gerettet waren, aber war es eine Pein, auszuhalten, daß der Himmel so blau, das Bett warm und der Frühstückstisch gedeckt war, während die, die sie liebten, irgendwo vor Angst erstarrten und täglich fortschreitend oder plötzlich durch irgendwen umkamen, umgebracht wurden.

Wie leben, während Mutter, Schwestern, Nichten daheim vor Todesangst vergehen? Wie leben, wenn die Briefe ausbleiben, Mutter, Schwestern, Nichten verstummen, weil sie ermordet sind?

Welche wahnwitzige, qualvolle Hoffnung, daß nur eine die Hölle überlebt haben möge! Irgendwie!

Der Hintergrund des dokumentarischen rainStein-Buches von Yvonne Livay, Die Frau mit der Lotosblume, ist eben dieses Drama.

Die eine - Yvonnes Mutter Salunka -, Schwester, Tochter, Tante, im sicheren Ausland, sieht in den ankommenden Briefen die wachsende Angst der Ihren und kann in aller Bemühung nichts Entscheidendes tun, sie zu retten.

Mutter, Schwestern, Schwäger, Nichten - sie wurden ermordet, zwischen 1942 und 1943.

Ein Schwager, früh ins Arbeitslager deportiert, überlebte, wanderte aus nach Israel.

Ungeklärt bleibt am Ende das Schicksal einer der Schwestern, die (wie der überlebende Schwager) früh ins Arbeitslager deportiert worden war. Ihre Briefe brechen Mitte 1943 ab, genau wie die der anderen Familienmitglieder, die im Sommer 1943 aus dem Ghetto direkt ins KZ deportiert wurden.

Arbeitslager - das war damals, so wahnwitzig es klingt, eine kleine Chance zum Überleben.

Hat diese Schwester, hat Adela überlebt?



Salunka versuchte, genau dies herauszufinden und ihre Nachforschungen haben sie zu dem Schluß geführt, daß Adela auf einem der Todesmärsche, die im Januar auch aus dem Arbeitslager (KZ) Grünberg-Ost, einer deutschen Wollmanufaktur, Richtung Deutschland begannen, ermordet wurde. So teilte es Salunka 1990 (?) der zentralen Dokumentationsstelle Yad Vashem in Jerusalem/Israel auf einem Erfassungsbogen handschriftlich mit.



Bei erneutem Suchen fand sich nun noch ein alter Eintrag: Getippt und deutlich vermerkt durch eine u.a. in Jerusalem arbeitende US-amerikanische jüdische Hilfsorganistion, nach deren Liste 1946 oder 1947 aus Jerusalem ein Hilfspaket im Wert von 7 $ an eine überlebende Adela Dancygier nach Walbrzych geschickt wurde - an eine Adresse also, die sich nicht weit von jenem ehemaligen deutschen Arbeitslager findet, das nach 1945 in Polen lag.

Dann - keine Spur mehr.

Dafür fand sich unerwartet eine andere Spur.

Um Adelas Schicksal möglicherweise aufzuklären, hatten wir nach Informationen zur Geschichte des Arbeitslagers Grünberg wie auch nach der Geschichte des Ghettos Dombrowa gesucht.

Dabei fiel uns eine Zeitzeugenaussage zum Ghetto auf. Es war der Bericht einer Frau, deren Alter, Name und Geschichte exakt zu einer im Buch Die Frau mit der Lotosblume mehrfach erwähnten und sogar zu Wort kommenden Freundin Adelas paßte: ihre Namensvetterin, jedenfalls was den Vornamen anbelangt. Daß der Nachname nun nicht mit dem im Buch verwendeten übereinstimmte, war erst einmal nicht wichtig - alles andere stimmte ja: Ort, Schicksal, Zeiten, - die Deportation von Dombrowa nach Grünberg, genau wie bei Adela Dancygier. War diese Frau möglicherweise die im Buch verzeichnete, nun vielleicht verheiratete, Adela Kestenberg? 

Um es kurz zu machen: Ja, das war sie. Diese Adela hatte, als eine der wenigen, Lager und Todesmarsch überlebt. Ihr war es gelungen... ihre Hoffnung hatte sich erfüllt. Und sie hatte sich nach all dem nicht nur ein neues Leben aufgebaut, in den USA, sondern hatte der Welt in Text und Film bezeugt, was in jener unausdenkbar schrecklichen Zeit gewesen war.

Und dann das Unerwartete - wir entdeckten: Sie hat nicht nur überlebt - sie lebt! Heute!

Eine Zeugin, die noch sprechen kann. Die als enge Freundin von Salunka, aus dem Arbeitslager Grünberg heraus und gemeinsam mit Adela Dancygier, gesprochen, geschrieben hat und noch berichten kann - im Alter von genau 100 Jahren!

Wir haben ihr jetzt das Buch in die USA geschickt - das Buch als das unabhängig entstandene Zeugnis jenes einstigen Kindes, zu dessen Geburt in Zürich sie, Adela Kestenberg, ihrer Freundin Salunka Cholewa (geb. Dancygier) aus dem Zwangsarbeitslager Grünberg heraus - zusammen mit Adela Dancygier - im Mai 1942 gratuliert hatte.

Übrigens fand sich noch ein Dokument: Adela Dancygier wie auch einige ihrer Familienangehörigen, stehen auf einer weiteren Liste, die erst im Januar 2020 öffentlich zugänglich wurde. Daraus geht hervor, wie sehr Salunka, als doch fast mittellose Jung-Einwanderin, neben allen Paketen nach Deutschland, ins Ghetto und ins Arbeitslager, auch in der Schweiz selbst um lebensrettende Hilfe für ihre Familie gekämpft hatte: Salunka versuchte, ihren Familienangehörigen ausländische Pässe zu beschaffen! Pässe, die eine Befreiung und Ausreise hätten ermöglichen sollten. Ergebnis: Adela Dancygier war, als eine von nur 3200 Juden, tatsächlich im Besitz einer neuen (zweiten) Staatsangehörigkeit, sie war laut der Lados-Liste (Warschau/Washington) Staatsangehörige von Paraguay.

Nur: Dieses Dokument oder/und Paß erreichte sie offenbar nicht oder bewirkte nichts.

Auf der Lados-Liste ist vermerkt, daß Adela Dancygier wie auch Rywka, ihre Mutter und Frania, ihre Schwester* mit neuen Pässen aus der Schweiz heraus versehen waren, aber nicht überlebt haben. Wie diese Informationen (vor allem, ob sie überlebt haben oder nicht) gesammelt wurden, wissen wir nicht. Aber: Alle diese Familienmitglieder stehen auf der Liste derer, für die im Ausland im ersten Schritt erfolgreich etwas bewegt werden konnte, für sie alle hat Salunka also gekämpft... Die Pässe und Staatsangehörigkeitsdokumente, von polnischen Diplomaten in der Schweiz in der kurzen verfügbaren Zeit einfach gefälscht, - sie retteten einige (nach manchen Berichten vielleicht nahezu die Hälfte) der Inhaber! Anderen, den meisten, nutzten sie nichts... Was immer Salunka unternommen hatte, und das war enorm viel, hatte nicht reichen können. Nichts hätte gereicht. Nichts wäre genug gewesen.

Wenn nur eine von ihnen gerettet würde.

 Wenn nur eine leben würde und bezeugen könnte...



379 Dancygier, Abraham Gabriel, 1895. Warschau. Paraguay. Umgekommen.

380 Dancygier, Adela, 1922. Dabrowa Gornicza. Paraguay, Staatsbürgerschaft. Umgekommen.

381 Dancygier, Anna (Chana Hinda), 1921. Warschau. Paraguay. Überlebt.

382 Dancygier, Frania. 1925. Dabrowa Gornicza. Honduras. Umgekommen.

383 Dancygier, Gila Fajga. 1918. Sosnowiec. Paraguay. Umgekommen.

384 Dancygier, Guta. 1922. Sosnowiec. Paraguay. Überlebt.

385 Dancygier, Halina (Chaja Sura) 1921. Warschau. Umgekommen.

386 Dancygier, Mordechai Salomou (Motek), 1919 Sosnowiec. Paraguay. Umgekommen.

387 Dancygier, Zidla. Grünberg Ost. Unbekannt.

388 Dancygier, geb. Fajersztajn, Lena Chaja, 1897 Warschau. Paraguay. Überlebt.

389  Dancygier, geb. Resecwajg Rywka Ita 1885, Dabrowa Gornicza. Unbekannte Dokumente. Umgekommen.


07.09.20

Gerettet

 


Eine wird gerettet, viele andere - nicht. Ein Kind wird denen entrissen, die ihre Ohren verschließen gegen alles Flehen und Klagen, denen, die Menschen wie wertloses Holz beiseite schieben, denen, die gegen die Schreie und aufgerissnen Münder gehen und über sie hinweg, um zuzupacken, schmerzhaft, um wegzuschleifen und fortzuwerfen. 

Ein Kind wird mutig denen entrissen, die niemandem ins Gesicht blicken. Denen, die schweigend mit großen Wagen kommen und brüllend mit Uniformen und Helmen. 

Einmal.

Am anderen Ort kommt niemand, um zu entreißen. Und niemand entkommt.

Warum erbarmen sich einige? Warum so viel Mut bei so wenigen? Während Tausende schlafen, Hunderttausende weghören, Millionen nicken und die Gefangenen verachten?

Hier ein Kind entrissen. Am anderen Ort nur eine Botschaft. Ein Zettel, heimlich davongetragen und in die Post getan. Der Schrei nach Leben, gegen den Tod überquert die Grenze, er allein - und wird gerettet. Der Schrei erreicht uns heute!

Beide Geschichten sind soeben im rainStein Verlag veröffentlicht worden.

Das Kind im Park von Rhea und Ruth Schönborn, Magdeburg/Berlin

Die Frau mit der Lotosblume von Yvonne Livay, Jerusalem

Im ersten Buch erzählt das gerettete, entrissene Kind. Und es weiß um seine Verwandten, die keine Retter hatten, die daher den Uniformierten nicht entkamen.

Im zweiten Buch wird uns von Briefen berichtet, von den Botschaften der Angst und des Abschieds... Botschaften der Schwestern, der Großmutter, die den Bewaffneten nicht entkamen. 

In beiden Büchern erfahren wir, wie es denen ergeht, die mit dem Überleben leben müssen.

Oben sehen Sie ein Gemälde von Ermanno Boller, er malte wiederholt diejenige, die nur noch Zettel in der Hand hatte, als alle ihre Verwandten daheim schon ermordet waren.

Was mit uns ist, das müssen wir entscheiden.

28.08.20

Welchen Weg gehen wir?

 



Die einen sind wörtlich in Gefangenschaft, in Polen, im Ghetto, eingekreist und bedroht von Deutschen, und die andere ist in der Gefangenschaft ihrer Hilflosigkeit, weil sie die Ihren vor dem Mord nicht schützen kann. Das ist die Tragödie von Salunka Dancygier, die alle ihre jungen Schwestern, kleinen Nichten, ihre Mutter, Freunde, Bekannte und Verwandte in Dombrowo an die riesenhafte, rasende, allgegenwärtige Mordwelle verliert. Von der Schweiz aus sieht sie es, aus der Ferne, und liest die Briefe - die Worte derer, die sie liebt, die sie lieben... und weiß, sie kann nichts und niemanden retten. 

Die Deutschen lesen zur selben Zeit in der Zeitung, daß nun durch ihre Landsleuten durchgegriffen werde, daß man es sich nicht länger bieten lasse. Sie lesen, daß per Verordnung und Tatkraft alle Übel jetzt ausgerottet und die Welt für die Willigen und Richtigdenkenden endlich besser würde. Alle Störenfriede und Unruhestifter würden nun weggesperrt, mit harter Hand von der Erde vertilgt, damit die strahlende Zukunft der Guten endlich beginnen könne.

Die Gefangenen in Polen überlebten den unerbittlichen Willen der Deutschen zur Transformation der Welt nicht. Salunka Dancygier verbrachte ihr Leben mit dem schweren Versuch, dennoch zu sein, zu leben und zu lieben.

Ihre Tochter Yvonne Livay berichtet davon. Und wie sie den Weg der Mutter weiterging.

Welchen Weg gehen wir?


Yvonne Livay: Die Frau mit der Lotosblume, rainStein 2020

06.08.20

Im Sommer 2020


Es gibt Menschen, die interessieren sich für ihre eigene Geschichte: Woher ihre Familie stammt, wer sie sind und wie sie wurden, was sie sind. Sie wollen wissen, wer und was sie geprägt hat, wer und wie die Vorfahren waren. - Und überhaupt: wie war es früher, Wald und Wasser, Häuser und Kinder zu sehen? ....Sie stellen sich diese Fragen auch, um sich selbst besser zu verstehen, um sich vollständiger zu fühlen... um das eigene Leben künftig (oder gegenwärtig) besser "nutzen" zu können... Das ist nicht nur Neugier, nicht nur Spurensuche, nicht nur genealogische oder historische Leidenschaft, es ist auch eine uralte Art von uns Menschen, mit der Frage nach dem Sinn fertig zu werden.

Es ist allerdings zuweilen nicht so einfach, mit dem so Entdeckten umzugehen. Denn das neue Wissen kann neue Probleme aufwerfen - anstatt welche zu lösen. Oder zumindest alles noch komplizierter machen.

Oder es ist ganz anders - das neue Erkennen hilft, klärt, reinigt, stärkt. Auch wenn man nur das Gefühl hat, endlich etwas begriffen, ausgefüllt, bestätigt, wiedergutgemacht - dem Leben zurückgegeben zu haben.

Manchmal: zurückgegeben gegenüber Menschen, die durch Gewalt ums Leben kamen. Denn so etwas ist und war möglich. Es ist und war real...

Wenn wir auf die Vorfahren schauen: Großmütter, Tanten, Cousinen wurden umgebracht. Sie begegneten am hellichten Tag, nicht in Film oder Albtraum, dem Bösen. Sie standen dem Schrecken gegenüber, direkt und unausweichlich: Krieg, Verfolgung, Mord, Mensch für Mensch.

So geht es mit einigen Entdeckungen, die wir machen. Solche machen wir in beiden rainStein-Büchern dieses Sommers 2020:

Rhea und Ruth Schönborn "Das Kind im Park" und

Yvonne Livay "Die Frau mit der Lotosblume".

Ewa aus Dombrowa, Polen

Während wir uns also im Deutschland der Gegenwart, im Sommer 2020, mit einer fremdartigen Pandemie befassen sowie den darüber stattfindenden Diskussionen (oder auch deren Ausbleiben) und, samt Nachbarn, Freunden, Kollegen und Verwandten, nicht recht wissen, wie in Handlung, Ausdruck und Emotion mit der ungewohnten Lage umgehen, lesen wir in den neu erscheinenden rainStein-Büchern von Momenten, Tagen, Jahren, - Wintern, Sommern -, in denen Menschen, Verwandte der Autorinnen, ihr Unglück, ihre Unterwerfung, ihre Entrechtung und Ermordung vor Augen hatten -- und eben damit umzugehen gezwungen waren.

Diejenigen, die diesen Menschen, deren Leben tatsächlich gewaltsam beendet wurde, das Unvorstellbare antaten, die ihnen das Leben nahmen - waren die Menschen, die vor uns zu unserem Volk gehörten (sowie deren Helfer aus anderen Nationen): unsere Vorfahren, Menschen wie Du und ich, solche wie alle, die heute mit uns leben.

Was kann man tun? Was lernen?

Die einen haben den Verlust, Leerstellen, den immerwährenden Schmerz.
Die anderen haben Ratlosigkeit und eine Chance, zu verstehen. Ja, wer immer sich heute im Recht, im unzweifelhaft guten Teil der Menschheit wähnt, erinnere sich: Die damals das kleine Kind, die junge Frau, den Vater mitnahmen und dem Tod entgegenstießen, fühlten sich ebenfalls als Gerechte! Sie meinten im Recht, auf der Seite der Richtigen, im Namen des Guten zu handeln, zu sein.

So also entdecken einige noch heute Qualen auf ihrer Ahnentafel, ins Leere führende "Lebensläufe", die den Atem nehmen-. Und andere - andere entdecken das Schweigen. 

Und, wenn sie bereit sind, die Frage an sich selbst.

Hillel aus Berlin



01.08.20

Das Kind im Park - mitten in Berlin




Wohin sich wenden in Berlin? Ob Tempelhof oder Charlottenburg, Johannisthal oder Mitte oder Zehlendorf -- überall ist es erst Jahre, wenige Jahrzehnte her, daß Menschen gejagt wurden. In ganz Berlin. In ganz Deutschland. Im Namen des Richtigen, der besseren Zukunft, der gerechteren Welt - aus Überzeugung und Leidenschaft wurden Menschen gejagt, gefaßt und getötet. Mann, Frau und Kind. Es war egal, was der Einzelne gedacht, gesagt, getan hatte - nur welcher Gruppe er zugehörig war oder welche Zugehörigkeit ihm zugesprochen wurde von den Jägern, entschied über sein Schicksal.

Der Jäger waren viele, sie waren überall, sie hatten Schreibmaschinen, Schreibtischstühle, Kameras, Zeichenstifte, Waffen, sie erschienen in Uniformen oder Zivilkleidung, sie waren einfach überall, in jedem Haus, jeder Straße, jedem Büro. Mit Argusaugen und Eifer. Deutsche, schien es, in ihrem Element. Im Namen des Guten und Wahren wurde allgegenwärtig vernichtet. Man war sich sehr einig.

Und es waren viele, die zuschauten. Mit kleinen Dingen halfen. Formulare schickten, das Vernichten in Amtsstuben sorgfältig vorbereiteten, verzeichneten, abrechneten. Die Schulungen durchführten, Haltungen überprüften, Meldungen erstatteten. Mitnickten, mitsangen, mitschlugen. Zuträger und Nachträger des Jagens.

Solche gab es, die die Nachbarn, den Schlüssel schon in der Hand, meldeten. Die in die Wohnungen der Verjagten einzogen. Umgehend. Die die Vernichteten für Ungeziefer hielten. In ihren Betten schliefen, von ihren Tellern aßen. (Bis heute.)

Viele auch, die die Jagd nicht sehen wollten und sich nicht einmal eingestanden, daß die Jagd gerade stattfand - denn beim Hinsehen und Wahrhaben hätten sie ja auch sich und ihr Nichtstun sehen müssen. Sie hielten ihre Zeitung fest in den Händen, denn dort stand, daß alles gut war und, was geschah, nur gerecht und nur die Richtigen traf. Wer etwas anderes behauptete, war selbst ein Feind und mußte zum Schweigen gebracht werden.

Manche gab es, denen war die Jagd zuwider. Weil sie einen gut kannten und mochten, der da nun verfemt, verhöhnt, gezeichnet, durch die Straßen geschleift und getötet wurde. Es war ihnen zuwider, sie fanden es unwürdig und ungerecht, aber sie vermieden jede Regung, taten nichts, denn  - hätten sie ihr Gesicht verzogen, ein Wort gewagt, eine Hand gereicht - wären auch sie auf die Jagdliste geraten, auf die LKWs, in die Lager und Kammern des Todes. Das wußten sie. Hielten still. Und wurden krank an Albträumen.

Einige wenige aber kümmerten sich nicht um Zeitungen, Regierung und Nachbarn. Sie brachten es nicht über sich, die Gejagten als Schablonen eines Bösen zu sehen, dessen Verschwinden alle und alles nun heilen würde. Sie sahen die Gejagten und sahen nicht Schablonen, sondern Menschen. Sahen ihre Augen, Gesichter. Sie hielten die Tür auf. Sie gingen hin und holten ein Kind zu sich. Sie hielten diese Vogelfreien der Medien, der Regierung, die Lieblingsfeinde ihrer Nachbarn weiter für Menschen. Sie halfen. Und halfen trotz des Schwertes, das dann über ihnen hing --- mit ihrem ganzen Leben.

Diese Geschichte berichtet genau davon - von jenen, die halfen. Und von denen, die gejagt wurden - in den Tod... durchs Land... in tiefste Gefahr.

Diese Geschichte wird erzählt von einer, die als kleines Kind von gänzlich Fremden gerettet wurde - mitten in Berlin. Im Februar 1943.

Soeben, Ende Juli 2020, bei rainStein erschienen: Das Kind im Park.
Autobiographie, mit Dokumenten und vielen Fotos.

15.07.19

Emil. Ein Held.


Am 15. Juli starb er. Nachdem schon zwei seiner Söhne und seine Frau gestorben waren. Er war bis zuletzt voller Tatendrang, voller Ideen, ein Anführer in allem, was er dachte und tat. Ein Spurenfinder und Spurenleser, ein Bahnbrecher und Wegbereiter - der vielleicht vielseitigste, talentierteste, erfolgreichste und dazu pragmatischste Wissenschaftler, den Deutschland je hatte. Einer der unabhängigsten, freiesten Denker, standhaft, willensstark und tapfer. Ein Vorbild! Ein wirkliches, echtes, brauchbares Vorbild - damals für unendlich viele, weltweit... Und heute.

Heute?

Vergessen, in Deutschland. Wie kann Deutschland so jemanden vergessen? - Nach 100 Jahren: Wir waren nur vier, die vor seinem Ehrengrab standen, ein kleines Grüppchen. Aber neugierig und entschlossen. Entschlossen, Emil zu ehren!

Wie kann es sein, daß keine Zeitung, kein Radio, Fernsehen oder wasauchimmer an Medium an Emil erinnert?
Welche Themen haben wir denn, täglich, über die wir lesen, reden, hören?
Wer ist denn noch, der wirklich ein Beispiel gibt, mit seiner Leistung? Mit seinem Leben?
Wer bringt denn das Land wirklich voran - mit neuen Entdeckungen, Lösungen, Ideen, genau, penibel, überprüfbar, umsetzbar, praktisch, überzeugend, funktionierend, nützlich für alle? Wer bringt die zusammen, die zusammenkommen müssen, damit unkonventionell gute Lösungen gefunden und in Gang gesetzt werden können? Wer denkt das Leben und seiner Grundlagen neu? Wer verweigert sich allen modischen Ideologien? Wer verlangt von sich selber das Letzte - in allem, als Grundlagenforscher, Vorlesungskünstler, Erfinder, Praktiker, Politiker, Vater?
Wer reißt die Jugend mit - hin ins kritisch Nachprüfbare, tausendfach Geprüfte - und wer reißt sie voran in den technischen, wissenschaftlichen Fortschritt- der für alle Verbesserung und Lösung und Erreichbarkeit und endlich Bezahlbarkeit bringt?

Wer kommt ihm gleich? Wer nach ihm brachte so viel für uns alle hervor und wer brachte so viel ein und half so direkt und praktisch und lange über seinen Tod hinaus, bis heute? Wer hatte so wenig Angst? Wer war so realistisch und zupackend und effizient in allem?

Emil war es, der König der Wissenschaften. Emil Fischer, der heute vor 100 Jahren von uns ging.



10.07.19

Emil Fischer. Wir reden darüber.



Emil Fischer! Man könnte auch Goethe sagen oder Schiller. Nur: Emil Fischer? Wer kennt den? Fachleute, ja, die kennen ihn alle. Die Allgemeinheit kennt ihn nicht. Warum? Darüber wird im rainStein- Buch „Der Nobelpreisträger. Emil Fischer in Berlin.“ geredet. 1902 der erste deutsche Nobelpreis für Chemie. Die ganze Welt feierte Emil!

Und heute? Da ist das mit Emil aktueller denn je! (Nicht nur, weil sich am 15. Juli der Todestag jährt. 100 Jahre! Kein Mensch spricht darüber!-?) Sondern weil Emil Fischer ein Vorbild ist – für alle. Für unermüdliche Neugier, unbeirrten Ehrgeiz, Fleiß, unerhörte Intelligenz und Willenskraft – trotz Krankheit -, unerschöpfliche Ideen, Talent, den riesigen Erfolg… für Menschlichkeit, politische Klugheit, Weitsicht… die Bereitschaft, sich für den Fortschritt  der Wissenschaft ganz in deren Dienst zu stellen: letztlich für die Verbesserung der Lebenslage ganz normaler Leute. Für Medikamente, Krebstherapien, bezahlbare Kleidung, Nahrung, Werkstoffe diverser Art… die Erkundung, Vermessung, Beschreibung unserer chemisch-biologischen Lebensgrundlagen! Deren Dechiffrierung und den künstlichen Nachbau… Dazu die Förderung jüdischer Kollegen gegen jeden Zeitgeist.

Das und viel, viel mehr war und ist Emil Fischer! Einer unserer Größten. Goethe. Schiller. Fischer! Wir reden darüber.

05.06.19

Der vergessene König



Foto: rainStein


Ja, Emil Fischer hat natürlich ein Ehrengrab der Stadt.
Aber wer ehrt ihn - heute? Wirklich?
Es gibt nur wenige Straßen, Schulen, die nach ihm benannt sind.
In den Zeitungen steht nichts über ihn, obgleich er - weltweit anerkannt - der größte von allen war.
Warum ist er so vergessen?



Einige Fragen werden in diesem Buch von Dörthe Kähler beantwortet.

Und: rainStein ehrt Emil Fischer. Jedes Jahr. In diesem Jahr besonders, mit einer Veranstaltung am 14. Juli.




31.05.19

Emil Fischer. Der größte Wissenschaftler, den wir je hatten.

Foto: rainStein

Tatsächlich, es sind bald 100 Jahre. Es waren reichlich chaotische Tage in Berlin, denn der Krieg war am Schluß doch noch in die Hauptstadt gekommen, als Revolution, und hatte alle durcheinander geschüttelt. Hungerzeiten waren es und die Menschen blieben erschöpft zurück von all den Versuchen, zu überleben, den Alltag zu organisieren, die Toten zu betrauern.
Erschöpft war auch Emil Fischer.
Jahrelang hatte er seinem Volk geholfen, den Krieg materiell durchzuhalten - mit Ersatzstoffen für alles und jedes, Ersatznahrung, Ersatzbrennmaterial, Ersatzkleidungsstoff, - und neuen Medikamenten.
Nicht, daß er seiner Erschöpfung nachgegeben hätte. Er, der um seine Frau und zwei Söhne trauerte, war buchstäblich Tag und Nacht auf den Beinen, um zu arbeiten, zu forschen, zu erfinden, Hochleistungslabore zu bauen, Begabte zu fördern und auszubilden, sinnvolle Wissenschaft zu organisieren. Deutschlandweit. Er war der absolute, bewunderte, unangefochtene Spitzenmann der deutschen Wissenschaft, ein König nicht nur seiner Disziplin: der Chemie.
Er hatte die Bausteine des Lebens entdeckt. Und den Weg, diese Bausteine künstlich nachzubauen.
Er war der Nobelpreisträger, seit 1902. Man kannte ihn in allen Ländern, auf allen Kontinenten. Emil Fischer aus Berlin. Der Freund der Juden. Der Freund in Feindesland.

Als ein Freund ihm die Diagnose mitteilte - die neuartigen Medikamente würden ihn nicht retten - ordnete er seine Angelegenheiten, nahm noch an Sitzungen teil, in der Nacht verabschiedete er sich vom einzigen verbliebenen Sohn, seiner Haushälterin - und nahm sich das Leben.

Er ist in Berlin-Wannsee begraben.
In der Straße Zum Löwen/Ecke Emil-Fischer-Straße erinnert ein rainStein-Schaukasten an ihn.

Dörthe Kähler: "Der Nobelpreisträger. Emil Fischer in Berlin." rainStein 2009

22.05.19

Zusammentreffen

Foto: Gundi Abramski

Manchmal ist es so, dass Geschichten, die vor Jahrzehnten begannen, eines Tages zueinander finden und - passen.
Hier sind es Frauen, die jede für sich weite Teile ihres Lebens mit ein und demselben Thema beschäftigt waren, die nun aufeinander treffen und dabei gemeinsam etwas Neues entstehen lassen können.

Dreh- und Angelpunkt ist in diesem Fall Verena von Hammerstein, die sich Mitte Mai mit ihren 97 Jahren noch einmal von Berlin nach Potsdam-Babelsberg bringen läßt, um als Ehrengast an der Jahreskonferenz von Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste teilzunehmen. Sie will auch ihr im März erschienenes Buch von Dörthe Kähler vorstellen: Verena von Hammerstein und ihre jüdischen Freundinnen.
Die jüdischen Freundinnen waren Teil von Verenas Leben, lange ehe sie Franz heiratete. Ja, nicht zuletzt heiratete sie ihn, den ehemaligen KZ-Häftling, weil sie beide ein gemeinsames Anliegen hatten. Sie trieb ihn an und trug ihn mit... gerade und erst recht, als Mitgründer und später (1968) Leiter von Aktion Sühnezeichen wurde oder als er 1976-1978 das Referat "Juden und Christen" beim Ökumenischen Weltkirchenrat in Genf innehatte. Und bis heute treibt es sie um, was gegen Antisemitismus hier und heute getan werden muß.

Auf andere, ganz eigene Weise beschäftigt das Dasein und die Geschichte von Juden und dem Staat Israel auch Dörthe Kähler, Patenkind von Franz und Vreni, seit ihrer Kindheit in der DDR.

Und nun, nachdem im Buch von Verena von Hammerstein und Dörthe Kähler schon einiges zusammengekommen ist, trifft man sich bei der Tagung in Potsdam, blickt zurück und sieht zugleich, was hier bei Sühnezeichen von der jungen Generation im Namen versuchsweiser Verständigung und Versöhnung auch heute weiter von Juden gelernt und für Juden getan werden will und wird.

Die Gemeinsamkeit inspiriert - auf zu neuen Ideen und Taten!

29.04.19

Eine Geschichte von Widerstand und Ohnmacht


Ein Kind, wohlbehütet, wächst in den Zwanzigern und Dreißigern des 20. Jahrhunderts in Paris und Montreux, dann wieder Paris auf... das Schicksal wendet sich abrupt mit dem Tod des Vaters, als es vierzehn ist... und noch viel mehr wendet es sich, als die Deutschen in seine Stadt einmarschieren. Da ist das Mädchen achtzehn. Sie flieht, schwanger, mit ihrer Mutter und ihrem Ehemann, in den französischen Süden... Sie geht in den Widerstand, sie ist Jüdin. War der Widerstand eines verfolgten Juden damals "normal"? Nein!  Ihr Mann, Jude und ebenfalls (als Fluchthelfer) in der Resistance, landet im KZ. Der Widerstand der jungen, nun schon zweifachen Mutter aber geht weiter, mit allen Mitteln.

Diese und andere Geschichten werden erzählt von Verena von Hammerstein, die in der Schweiz aufwuchs. Es sind Geschichten ihrer jüdischen Freundinnen, Freundinnen von Kindheit an. So ist es auch die Geschichte einer Ohnmacht: Im Sicheren zusehen oder besser: erahnen zu müssen, was diejenigen erleiden, die einem so nahe stehen.

Das hatte für Verena damals schon Konsequenzen - und es hatte dann Konsequenzen ein Leben lang.
Ohnmacht bleibt gewiß ein Bestandteil des Weges, den Nichtverfolgte gehen. Dennoch sind echte Anteilnahme, Verstehenwollen und Suchen nach jedweder möglichen Hilfe für Menschen, die unschuldig unmittelbar vom Tod bedroht sind, eine Chance, uns selbst aus der Ohnmacht zu helfen.

Dörthe Kähler: Verena von Hammerstein und ihre jüdischen Freundinnen, rainStein 2019, 19,90 €

21.04.19

Ostern 2019


Foto: rainStein



Woher ist das Leben so plötzlich
mit aller Kraft gekommen?
Woher bricht es ein
in unsere Welt?
Was hat es sich vorgenommen?

Was macht es so warm
auf unserer Haut und gibt dem Auge
was es erbaut
wenn doch die lange, eisige Nacht
noch besteht mit finsterer Macht?

Was ist es? Was birgt es?
Wollen wir dem Geheimnis vertrauen?
Ein Pfeil aus Licht durchbricht
die Zeit.
Seit Menschengedenken.
Der Pfeil zur Ewigkeit.

rainStein

07.04.19

Eine Rezension


Ja, die Kirchenzeitung für die Evangelische Kirche in Berlin, Brandenburg und oberschlesische Lausitz hat das jüngste rainStein Buch von Dörthe Kähler, "Verena von Hammerstein und ihre jüdischen Freundinnen", zur Lektüre empfohlen. Verena und ihre Geschichte gehören natürlich in den kirchlichen Kontext, ist sie doch selbst Theologin (Examen bei Kriegsende) und Tochter wie Frau eines Pfarrers. Und jüdische Freundinnen sind zumindest bei einem Teil der Kirchenmitglieder bestimmt eine gute Sache.

Die Empfehlung aber hat einen weiteren Fokus: Daß in diesem Buch Geschichten über Frauen von Frauen erzählt und reflektiert werden. Nicht zu vergessen natürlich das Geleitwort - ebenfalls von einer Frau!
Männer kommen im Buch tatsächlich nur am Rande vor.
Bücher über Frauen, von Frauen erzählt und geschrieben - sollte das heute  eigentlich noch so ungewöhnlich sein?
Oder ist dies das Spezielle: Daß Frauen im christlichen und jüdischen Kontext bedeutungsvoll genug sind, daß ihre Geschichte erzählt wird?
Für die Generation, von der im Buch hauptsächlich die Rede ist, gilt das gewiß. Es ist noch nicht lange, daß Frauen in der Kirche sichtbar eine Rolle spielen! Eine Rolle als Individuen, als Sprechende, als Amtsträger, als Prägende.
Heue ist das ganz anders, aber es war nicht so. Und aus jener anderen Welt berichtet das Buch: Wie Frauen ganz unabhängig vom Frauenbild ihrer Zeit selbstständig, frei und mutig gehandelt haben.

Ein Zitat aus dem Geleitwort lenkt den Blick auf einen weiteren Grund, weswegen der Rezensentin das Buch wichtig sein könnte: Es zeigt, wie sehr es auf die Tat (eines einzelnen Menschen) ankommt. Nicht auf "Glauben", sondern auf die Tat. Nicht das Wortbekenntnis, sondern was wir tun, zählt.

Es zählt nicht, ob wir uns als antifaschistische Demokraten begreifen, sondern ob wir uns schützend vor Juden stellen: heute.  Es zählt nicht, ob man davon redet, "wegen Auschwitz" in die Politik gegangen zu sein, sondern ob Deutschland sich endlich schützend vor Israel stellt.

Daher ist dieses Buch wichtig. Und die Rezension.






02.04.19

Frühling

Heute ist der Frühling da, mit einemmal sieht die Welt ganz anders aus, alles verändert sich - wir auch. Für den Moment sind wir berührt, verbunden mit allem, was lebt, verbunden mit Licht und einem großen Gefühl für Aufbruch und Neubeginn.


Foto: rainStein

Ein Glück, daß wir das erleben können - jedes Jahr! Als hätten wir es nie erlebt. Und doch ist es vertraut und läßt unsere tiefe Bindung spüren - an das Leben, dessen Teil wir sind.

Es verbindet uns mit uns selbst, mit unseresgleichen und mit allem, was größer ist als wir.

Seit Jahrtausenden besingen wir diese fast nicht beschreibbare Zeit.
Menschen nutzen, was sie um sich herum erleben, von altersher als Kraftquelle und Seelenbrunnen.
In unseren Worten lebt Staunen, lebt die Hoffnung, die das Überall-Werden in uns weckt.
Hoffnung, die wir brauchen wie Regen und Licht.

Worte verbinden, Verse und Bücher:
Sie verbinden über Generationen, über Länder, Sprachen und Völker.

Wir sind nicht die ersten. Und wenn wir unsere Worte dazutun, werden wir nicht die letzten sein.

rainStein stimmt Jahr für Jahr in den großen Gesang ein.






27.03.19

Messe lesen

Es war ja gerade die Leipziger Buchmesse. Ein riesiges Event. Und tatsächlich, dem Vernehmen nach drängten sich dort nicht nur die Verlage, sondern Autoren - und, viel erstaunlicher - Leser!
Ja, man sieht, es gibt sie noch.
Für die Leser war das natürlich, nach allem Aufwand, hin und hinein zu gelangen, ein ausgesprochen angenehmes Erlebnis, endlich unter Lesern zu sein. Jeder hatte das schöne Gefühl, sich endlich unter Gleichgesinnten zu fühlen.
Denn, selbstverständlich, an diesem Ort sind überall Menschen, die sich in Welten verlieren können.
In hunderttausend verschiedenen Welten.
Was sie gemeinsam haben, ist eben das Hinzugewinnenwollen und das Sichverlierenwollen.
In welchen Büchern auch immer, welchen Genres, von welchen merkwürdigen Autoren geschrieben und obskuren Verlagen verlegt.


Foto: rainStein

Außer natürlich: der/die/das wäre als rechts bekannt.
Das ist das, was man in den letzten Jahren von diesen Events hörte, - mehr als von Büchern, die neu und aufregend gewesen wären.
Man hörte, dass es in einer Demokratie bekanntlicherweise nur eine Denkrichtung gäbe, nur eine aller möglichen Denkseiten geben darf. Daher hätte man diese Unaussprechlichen der anderen Seite zu meiden.

Was aber genau da sozusagen falsch geschrieben und falsch verlegt steht und gemieden werden muß, wurde nicht näher mitgeteilt.
Nur: es wäre eben die unberechtigte und damit eindeutig gefährliche Seite.
Als Leser, der eigentlich nur gekommen ist, um zu lesen, habe man beim Schlendern gegebenenfalls die engagierten Schreier zu unterstützen, die neben einem aufmarschieren, mitten unter den Büchern. Man habe bei denen zu sein, die gegen das Unaussprechliche anbrüllen. Einfach mal reden darf man mit dem Nichtseiendürfenden jedenfalls nicht.
Als Leser nicht und nicht als sonstwer.

Offenbar kommen die Leser und einige machen, was gewollt ist.

Nun, wir waren noch nie dabei. Wir kennen sie alle nicht. Wir wollen aber auch nicht dahin gehen, wo einer den anderen bebrüllt, egal, wer das ist. Ich brülle ja hier daheim auch nicht meine Nachbarn an.

Was rainStein vielleicht noch unterscheidet: Hier gibt es Bücher, die nicht verbieten, vergiften, sondern über wirkliche Gefahren schreiben - mehr noch über Lösungen. Und die gegen echten Judenhass - da, wo er wirklich ist - anschreiben. Bücher, die berichten und die verstehen lassen. Werbend, ohne niederzubrüllen.

20.03.19

Warum immer wieder diese "Winde über Jerusalem"?



Foto: rainStein

rainStein, das wissen einige, lädt gemeinsam mit den Klezmerschicksen seit Jahren zu einer Veranstaltung ein, die nennt sich "Winde über Jerusalem" (ein Buchtitel aus dem rainStein Verlag).

Manche lockt der Titel, andere finden ihn irritierend.

Die Veranstaltung reicht in Zeiten zurück, als viele der deutsch dichtenden LYRIS-Künstler aus Jerusalem noch lebten und einige sogar nach Deutschland reisen konnten. Das ist nun nicht mehr so. Aber die Abende finden immer noch statt. Warum?


Sie sind längst abgelegt, in Archiven, in Gedenkstätten, auf Friedhöfen und, vereinzelt, in Heimen, irgendwo in Übersee, selten in Europa, mehr in Israel.
Ihre Stimme kennt man nicht mehr und die nachfolgenden Generationen gehen darüber hinweg.

Aber es gibt sie noch. Hier. Auch wenn nicht mehr viele leben - ihre Worte sind da, ihre Zeugnisse, darin aufgehoben, sind lebendig, wir spüren in den Texten, in von rainStein herausgegebenen Büchern ihre Lebenslust und ihre Lebenstrauer. Ihre Botschaften! Die Botschaften an uns.
An uns, weil wir diejenigen sind, die sie verstehen. Weil wir diejenigen sind, die ihre Sprache sprechen und uns mühen können, sie zu verstehen und zu hören und so (wenn wir nur wollen! mehr als auf Stolpersteine zu treten!) den lebendigen Zeugnissen Aug in Aug, Ohr in Ohr begegnen.




18.03.19

Irrtum



Oh, Verzeihung, es war keine Absicht.
Wir wollten hier beileibe nicht so häufig darüber schreiben. 
Aber so ist das - der Grund, warum wir uns für den Respekt vor Juden 
und Israel einsetzen, hört einfach nicht auf, aktuell zu sein.

Keine Woche war es her, daß im Französischen Dom zu Berlin ganz offiziell von Staat und Kirchen Brüderlichkeit beschworen und zum Kampf gegen Judenfeindschaft aufgerufen wurde. 
Da geschahen zwei Dinge auf einmal: Nach anhaltend großem Druck seitens Israel und USA hinderten deutsche Behörden in letzter Sekunde eine verurteilte und reuelose Judenmörderin daran, mitten in Berlin für judenmörderische Ideen zu werben.

Und nur einen Tag zuvor geschah es, daß das oberste deutsche Parlament tagte, um seine Haltung gegenüber Juden und deren einzigem Staat zu klären. Und, in Konsequenz, die Position der deutschen Bundesregierung in internationalen Abstimmungen gegenüber Juden und dem einzigen jüdischen Staat dieser Welt zu klären.
Die FDP, u.a. auf Betreiben eines Exiliraners, hatte einen wohlformulierten Antrag eingebracht.

Natürlich stimmten die anwesenden FDP-Abgeordeten für den Antrag, der das israelfeindliche Abstimmungsverhalten Deutschlands in internationalen Gremien (nicht nur in der UN) hin zu Auswogenheit und Fairness ändern wollte.
Überraschend: fast alle AFD-Abgeordneten stimmten ihren FDP-Kollegen zu.
CDU und SPD hingegen lehnten den Antrag ab. Die Grünen enthielten sich. Bei den Linken und der CSU fand sich je ein Abgeordneter, der den FDP-Kollegen zustimmte.

Wie Prof. Wolfsohn richtig feststellt: Die AFD kann man jetzt, nach der Abstimmung, plötzlich nicht mehr als judenfeindlich bezeichnen, die übrigen Parteien, ausgenommen FDP - wenn Taten, nicht Worte zählen! - zu unserem Entsetzen aber nun schon.

Tweet-Kommentar der FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zum Abstimmungsergebnis: "Während die Hamas Raketen auf Israel feuert, stimmt Bundestag mit Stimmen der GroKo & Linken bei Enthaltung der Grünen gegen einen Antrag auf Neuausrichtung der deutschen Israelpolitik in der UN. Es ist beschämend."



Auszüge aus der FDP-Resolution:

Seit Jahrzehnten verabschieden verschiedene Gremien und Sonderorganisationen der Vereinten Nationen (VN) eine Vielzahl an Resolutionen, in denen ausschließlich Israel verurteilt wird, während andere Akteure des Nahostkonflikts nicht benannt oder zu Verhaltensänderungen aufgefordert werden. Deutlich weniger Resolutionen richten sich an alle übrigen Mitgliedstaaten der VN. Dadurch besteht ein erhebliches Ungleichgewicht an Verurteilungen durch die VN zuungunsten Israels. Deutschland und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union unterstützen diesen gegen Israel gerichteten Kurs häufig durch Zustimmung zu den einschlägigen VN-Resolutionen.

Die VN-Generalversammlung hat 2018 21 Resolutionen verabschiedet, in denen Israel verurteilt wird, von insgesamt 26 Verurteilungen von Staaten durch Resolutionen. Nach Angaben des Auswärtigen Amts stimmte Deutschland 16 dieser Resolutionen zu und enthielt sich bei vier weiteren der Stimme. Demgegenüber stehen im gleichen Zeitraum nur jeweils eine einzige Resolution zu Ländern wie Iran, Nordkorea und Syrien. Beschlüsse, die das Handeln anderer Akteure des Nahostkonflikts, wie der Terrororganisation Hamas, verurteilen, sucht man in den Resolutionen zum arabisch-israelischen Konflikt in der Regel vergeblich. Im Dezember 2018 scheiterte in der VN-Generalversammlung der Versuch, zum ersten Mal die Hamas für ihre terroristischen Aktivitäten in einer Resolution zu verurteilen. Die Resolution fand keine ausreichende Mehrheit im Plenum der VN-Vollversammlung, insgesamt 58 Staaten stimmten gegen die Initiative.

Von den durch die UNESCO verabschiedeten 47 Resolutionen zwischen 2009 und 2014, in denen einzelne Länder wegen vermeintlicher Verstöße gegen UNESCO-Grundsätze verurteilt wurden, richteten sich 46 gegen Israel.

Das rein zahlenmäßige Bild macht deutlich, dass mit Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten in verschiedenen VN-Gremien um ein Vielfaches häufiger für teils unterstellte Regelbrüche und Menschenrechtsverletzungen verurteilt wird, als autoritäre Regime in der Region oder weltweit. Dieses erhebliche quantitative Ungleichgewicht der Verurteilungen durch VN-Resolutionen besteht seit vielen Jahren. Dass dies die Realität tatsächlicher Verstöße gegen VN-Regeln oder der Menschenrechtslage in den verschiedenen Staaten der Welt nicht annähernd widerspiegelt, scheint offensichtlich. Es muss deshalb thematisiert werden, inwieweit eine Mehrheit der VN-Mitgliedstaaten einen völlig anderen Maßstab an Israel anlegt als an jedes andere Mitgliedsland der Weltorganisation. Eine andauernde zahlenmäßig überproportionale Verurteilung Israels geht im Gesamtbild weit über legitime Kritik hinaus und ist nur vor dem Hintergrund einer beabsichtigten Delegitimierung Israels durch eine signifikante Zahl von VN-Mitgliedstaaten erklärbar.
Daher ist es ... dringend geboten, das deutsche Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen zu ändern. 





12.03.19

Einer

An einem Sonntag in einer Kirche...
Nein, nicht in einem Gottesdienst.

Volles Haus! Das ist ja schon besonders. Warum Andrang herrscht, wissen wir eigentlich nicht. Weil viele eingeladen haben? Weil es schöne klassische Musik gibt, gespielt von jugendlichen Musikern, die sich hier ihren freien Tag um die Ohren schlagen? In einem so wunderbaren Gebäude, wo man gerne (und warm an diesem naßkalten Tag) sitzt?
Oder sollte es wirklich das Thema sein, das die Leute so zusammenbringt?

Das Thema berührt auch rainStein: Gemeinsam gegen Judenfeindschaft.

Wozu sonst die rainSein-Bücher, seit Jahren, die, fast schon vorhersagbar, wieder und wieder um dieses Thema kreisen: vergangene Judenfeindschaft, heutiger Israelhaß. Und natürlich wollen die Bücher nicht nur Berichterstatter sein, sondern Aufklärer und Beweger und Anreger, damit man sieht und weiß und neu denkt - nicht abwehrt, abschüttelt, übersieht und falsch versteht.

Ja, viele Reden werden an diesem Sonntag gehalten. Es reden die Gastgeber, ein Politiker, Bischöfe beider Kirchen, ein Rabbiner, und - als eigentlicher Festredner - ein noch höherer Kirchenvertreter.
Sie legen sich ins Zeug, es ist von nötigem Mut, Moral, Widerstand die Rede. Aber es klingt, als hätten manche selbst nicht allzuviel damit zu tun.
Mensch, wo bist du? heißt es im Motto.
Wo stehen diese Redner?
Man weiß nicht, ob alle wissen, wovon sie reden? Einige scheinen nicht recht informiert zu sein. Wissen sie, wo sie stehen?

Die Gefahren, die jeder kennt, der sich um Juden sorgt, die werden kaum benannt.

Nun gut: Der Festredner weiß immerhin um die tödliche Bedrohung, in der sich der jüdische Staat an allen seinen Grenzen befindet, durch Iran/Hisbollah/Hamas/Muslimbruderschaft etc. Ohne obligatorische, rituelle Kritik am Judenstaat kommt zwar auch er nicht aus, die ist wie eine Decke, die er hochhält, damit er die existentielle Gefahr überhaupt ansprechen darf.
Gleichzeitig verzichtet er aber in aller Vorsicht und Rücksicht darauf, die Politik der Deutschen zu erwähnen. Eine Politik, die sich in UN und EU regelmäßig gegen den jüdischen Staat stellt und gleichzeitig Freundschaft mit denen bekundet, die die Vernichtung von Juden zum Staatsziel haben.

Doch ein Redner ist da, der deutlich genug die wahre Lage benennt. Es ist, wohl kein Zufall, der einzige Jude, der spricht.

Er ist es, der sagt: Judenfeindschaft war schon immer da und wird bleiben. Nicht verwunderlich ist ihr giftiges Wirken bei links wie bei weit rechts. Verwunderlicher ist es, den judenfeindlichen Virus heute offen in der Mitte zu finden, mitten in der liberalen, linken, konservativen Gesellschaft, mitten in den Medien, der Politik. Eben da ist das Gift.
Das zeigt alle Erfahrung, erweisen alle Studien der letzten Jahre: Es herrscht im europäischen Mainstream spürbar Feindschaft gegenüber den lebenden Juden wie gegenüber dem Staat der lebendigen Juden, der weltweit einzigen Heimstatt der heutigen, handelnden Juden. (Notdürftig kaschiert als Israelkritik).
Diese moralische Umkehrung wird zahlenmäßig unterstützt durch Millionen Menschen, denen Judenfeindschaft von Kindesbeinen an beigebracht wurde und wird. Sie sind zumeist erst seit Kurzem hier im Land.

Man könnte hinzusetzen: Judenfeindschaft ist auch inmitten der Kirche. Davon allerdings spricht heute niemand.

Mensch. Wo bist du.

06.03.19

Siebenundneunzig!


Vor wenigen Tagen ist es rainStein gelungen, ein Buch sehr pünktlich heraus zu bringen: Zu einem 97. Geburtstag! Den feierte man dann in Berlin-Zehlendorf auch fröhlich und ausführlich... Siebenundneunzig wurde Verena von Hammerstein! Und das Buch, das ihr präsentiert wurde, heißt: Verena von Hammerstein und ihre jüdischen Freundinnen. 


Ein Buch, das über einen Zeitrum von 13 Jahren entstanden ist. Mit Pausen, aber in einem unentwegten Gespräch.

Ist es ein Kennzeichen des 20. Jahrhunderts, das ein Mensch, der an seinem Anfang geboren wurde, nur so darüber berichten kann? Nicht über eigene Großtaten, nicht über eigenes Leid und eigene Freuden - oder das doch viel weniger - als darüber, wie es den Juden erging?

Es gibt natürlich Unterschiede. Verena von Hammerstein stammt nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz (auch wenn sie seit fast siebzig Jahren Berlinerin ist). Sie berichtet, wie sie schon in ihrer frühen Kindheit innig mit ihren jüdischen Freundinnen verbunden war - und heute noch ist. Wie sie eben damals dennoch danebenstehen und zusehen oder nur Briefen entnehmen mußte, welcher Schrecken ihren Freundinnen auf der Flucht oder im Widerstand geschah.
Ihre beste Freundin wurde Widerstandskämpferin in der französischen Resistance.
Mut und unaussprechliches Leid auf der einen - Hilflosigkeit und das Bemühen, Hilfswege zu finden, auf der anderen, das bestimmte die verschiedenen Lebenswege der Freundinnen fortan.

Wie wird man damit fertig? Das Buch erzählt die Dramatik: mit Dokumenten, Tagebüchern, Briefen und Fotos, von 1939-1945. Und danach! Denn diese Jahre hatten Folgen, bis hin zu Kindern und Kindeskindern. Ja, die Fragen und Verbindungen, die den Anfang dieser Leben prägten, blieben, bis ins 21. Jahrhundert - und werden, wie an einem roten Faden durch die Schicksale hindurch, an den Leser weitergegeben.




27.02.19

ranStein hören?



Ja, wir sind unterwegs, rasen unsere Lebensstrecke hinunter... oft ist es schön, es macht Spaß, es ist geheimnisvoll! Geheimnisvoll ist die Straße und mancher Moment, Momente, die wir so gern festhalten wollen... Dann, oft genug, kippt es... Bild, Stimmung, Klang -- Erinnerung.

rainStein lesen - rainStein hören!
Wir wollen hier nicht nur schreiben, sondern von Zeit zu Zeit auch reden, über rainStein-Bücher und rainStein-Themen.

Da wäre zum Beispiel die Frage, warum jüdische Themen so prominent im Programm auftauchen? Sogar israelische Autoren verlegt werden? Wer macht denn so etwas, heutzutage! Und warum? Das wird  oft gefragt und es ist wohl tatsächlich etwas erklärungsbedürftig, denn Israel ist heute, ganz ehrlich, nicht wirklich angesagt. Höchstens bei Technikfans oder ein paar Touristen, die Eilat, Jerusalem oder Tel Aviv zu (ihrem Reise-)Mekka erklären.
Und jüdische Themen? Von der Vergangenheit haben die meisten Deutschen genug. Die Gegenwart hingegen - nun, das ist ein weites Feld.

Trotzdem: rainStein ist von seinen Wurzeln her mit Jüdischem verbunden. Das begann in den Sechziger Jahren im Brandenburgischen. In den Dreißigern in Montreux/Schweiz. In den Neunzigern in Jerusalem. Und hört bis heute nicht auf.

Am Anfang des kurzen Videos oben liegt eine Kippa vor der Frontscheibe.
In der Klosterkirche leuchten Fenster, vom Licht auf Mauern geworfen...der Blick aber bricht ab.
Im Moor liegen Fragen, kreuz und quer...
Dazu läuten Glocken, von irgendwoher.

rainStein wird weiter fragen. Und nach Antworten fahnden.






25.02.19

Intro


Ende Februar 2019. Dies hier ist ein Blog über rainStein und zu rainStein-Themen. Mit gelegentlichen Beiträgen zu Büchern, Reisen, Biografien und Events.

Und was ist rainStein? Heute vor allem ein kleiner, unabhängiger Berliner Verlag, den gibt es schon länger, genauer gesagt: seit 2006, wir werden darüber schreiben. Aber das Besondere ist: Dieser Verlag entstand als Frucht eines generationen-übergreifenden Projektes. Menschen zwischen 18 und 80 Jahren wollten etwas tun, damit Vergangenes nicht vergessen sei und Vergessenes nicht vergeht. Geschichten sollten nicht unerzählt bleiben, Verstorbene dem Gedächtnis nicht abhanden kommen.

Ist das gelungen? 

Immerhin sehen wir: Es sind Bücher entstanden, dazu einige Filme und CDs. 
Tatsächlich hat sich rainStein einen Namen gemacht, als Treuhänder von Erinnerungen, die sonst vielleicht verschollen wären.
In all den Jahren und all dem Tun hat rainStein natürlich dann auch ganz eigene Themen gefunden.

Dazu im nächsten Post mehr!

Im Blog finden