20 Jahre rainStein - eine Geschichte.
Von Dörthe Kähler
Ich liebe es, große, waldähnliche Friedhöfe zu besuchen...bin dankbar für die Weite, in die die Trauernden hier gehen können, für die Farbigkeit und Natürlichkeit der Wege, die Ideen, die in den Grabgestaltungen stecken, die Entdeckungen, die ich jedesmal mache, die mich berühren und erstaunen und nach vergangenem Leben fragen lassen.
Erst in den frühen, für viele so unbeschwerten 2000er Jahren fiel mir auf, wieviele Menschen, von deren Tod ich erfuhr, kein eigenes, erkennbares Grab mehr erhalten - weil sie es nicht mehr haben wollen oder nicht mehr haben können, weil es zu teuer geworden oder einfach unwichtig geworden ist. So geht Leben verloren, dachte ich. So verschwindet Erinnern, Gedenken und Dankbarkeit. Was sind wir uns noch wert - wenn wir einander nicht einmal ein eigenes Grab gewähren?
Ich sah Zahlen meiner Stadt Berlin, die zeigten - lange würde es Friedhöfe gar nicht mehr zu geben brauchen.
Es machte mich traurig und bald sagten auch Freunde: Laßt uns nachdenken! Laßt uns Wege finden, wie das geht - wie können wir heute erinnern, gedenken?
Bald schlossen sich auch junge Erwachsene an, mit unterschiedlichsten Hintergründen und Berufen.
Es entstand das "rainStein"-Projekt und ließ Menschen aller Generationen miteinander agieren. Wir arbeiteten an Ideen. Wir bauten eine aufwendige rainStein-website, ein digitales Abenteuer mit den Unterseiten "anima mea" und "Abschiedsportal" - und "Gärten" darinnen (u.a. dem Paradiesgarten!), mit Gedenkseiten, Texten, Fotoausstellungsräumen.
Erst 2006 entstand daraus der rainStein Verlag. Nun wollten wir Biographien in Büchern festhalten, wollten niedrigschwellig auch Lebensbilder produzieren, biographische Videos drehen, öffentlich und privat. Für manche Projekte fanden wir Sponsoren, so konnten wir über nun zwanzig Jahre unser kleines, klares Programm (mehr als zwei Dutzend öffentlich publizierte Produkte) umsetzen und ganz unabhängig bleiben. Alle Arbeitsschritte wurden von einem kleinen Team in erkennbarer rainStein-Qualität umgesetzt - auch wenn wir Laien und fast immer Ehrenamtler waren.
Wie kam dann der Kontakt zum LYRIS-Kreis in Israel zustande? Weil Jerusalem "die Stadt meines Lebens" ist. Für lange Jahre erwuchs aus dieser Beziehung einer unserer Schwerpunkte: Insgesamt acht Bücher deutsch-israelischer Dichter haben wir gestaltet und verlegt: Lyrik, Autobiographien, Kunst. Hinzu kamen Bücher deutscher jüdischer Überlebender (jeweils mit umfangreichen Dokumentationen) und ein deutschfranzösischer Roman zum Thema, der programmatisch ist: Hinter dem Schweigen.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Erinnerung an die zweite deutsche Diktatur, die DDR. Es ist aber nur Zufall, daß wir nicht noch Bücher aus weiteren ehemals kommunistischen osteuropäischen Ländern verlegt haben!
Kein Zufall ist, daß in mehreren unserer Publikationen "Glaube" eine Rolle spielt, am deutlichsten im Buch: "Abraham und ich. Fasziniert von Freiheit und Recht." Das ist nicht nur Erinnerung, Rückschau, Aufklärung, sondern Gespräch mit unseren erwachsenen Kindern.
Ebensowenig Zufall ist, daß wir sogar eine Klezmer-Musik-CD mit Tanz-Heft herausgebracht haben! Seit Start des rainStein-Projektes arbeiten die "Klezmerschicksen" mit uns - u.a. auch mit "Lyris"-Texten - und, viele haben es bereits erlebt: seit Langem bieten die Klezmerschicksen und rainStein gemeinsam das musikalische, zu Herzen gehende und informative Programm "Winde über Jerusalem" an…
Und ja, am Ende gibt es ein wunderschönes, über Ländergrenzen hinweg geliebtes Kinderbuch bei rainStein: "Femo sucht einen Freund" :) Damit es keine Lücke gibt, haben wir natürlich auch ein kleines Jugendbuch im Programm: "Meine Helden von Ägina": - es ist unsere Hommage an die nächste Generation!
Noch werden wir eine Weile an Bord bleiben. Erst in diesem August gaben wir ein zweibändiges Werk mit dokumentiertem Briefwechsel - "Meine liebe Annemie…" - heraus - und feiern Ende Oktober 2026 unseren 20. Jahrestag mit einer Lesung aus diesen Briefen.
Wie geht es weiter? Lesungen finden statt, am 10.11.26 in Friedrichshain, im Januar '27 in Babelsberg, im Februar in Teltow. Die bisher 12-teilige, von vielen als spannend empfundene "Großmutter Hanna"-Reihe von 2025 auf Youtube wird eine Fortsetzung finden. Es wird einen Film über die "Lyris" geben. Bücher und Veranstaltungen sind für 2027 geplant - tatsächlich insbesondere zum Thema "Hanna". Wir bleiben dabei und wollen es herausfinden - wer waren die Menschen, derer wir gedenken? Und was gilt es aus der Vergangenheit nicht nur zu wissen, sondern zu überwinden und zu heilen?
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