06.08.20

Im Sommer 2020


Es gibt Menschen, die interessieren sich für ihre eigene Geschichte: Woher ihre Familie stammt, wer sie sind und wie sie wurden, was sie sind. Sie wollen wissen, wer und was sie geprägt hat, wer und wie die Vorfahren waren. - Und überhaupt: wie war es früher, Wald und Wasser, Häuser und Kinder zu sehen? ....Sie stellen sich diese Fragen auch, um sich selbst besser zu verstehen, um sich vollständiger zu fühlen... um das eigene Leben künftig (oder gegenwärtig) besser "nutzen" zu können... Das ist nicht nur Neugier, nicht nur Spurensuche, nicht nur genealogische oder historische Leidenschaft, es ist auch eine uralte Art von uns Menschen, mit der Frage nach dem Sinn fertig zu werden.

Es ist allerdings zuweilen nicht so einfach, mit dem so Entdeckten umzugehen. Denn das neue Wissen kann neue Probleme aufwerfen - anstatt welche zu lösen. Oder zumindest alles noch komplizierter machen.

Oder es ist ganz anders - das neue Erkennen hilft, klärt, reinigt, stärkt. Auch wenn man nur das Gefühl hat, endlich etwas begriffen, ausgefüllt, bestätigt, wiedergutgemacht - dem Leben zurückgegeben zu haben.

Manchmal: zurückgegeben gegenüber Menschen, die durch Gewalt ums Leben kamen. Denn so etwas ist und war möglich. Es ist und war real...

Wenn wir auf die Vorfahren schauen: Großmütter, Tanten, Cousinen wurden umgebracht. Sie begegneten am hellichten Tag, nicht in Film oder Albtraum, dem Bösen. Sie standen dem Schrecken gegenüber, direkt und unausweichlich: Krieg, Verfolgung, Mord, Mensch für Mensch.

So geht es mit einigen Entdeckungen, die wir machen. Solche machen wir in beiden rainStein-Büchern dieses Sommers 2020:

Rhea und Ruth Schönborn "Das Kind im Park" und

Yvonne Livay "Die Frau mit der Lotosblume".

Ewa aus Dombrowa, Polen

Während wir uns also im Deutschland der Gegenwart, im Sommer 2020, mit einer fremdartigen Pandemie befassen sowie den darüber stattfindenden Diskussionen (oder auch deren Ausbleiben) und, samt Nachbarn, Freunden, Kollegen und Verwandten, nicht recht wissen, wie in Handlung, Ausdruck und Emotion mit der ungewohnten Lage umgehen, lesen wir in den neu erscheinenden rainStein-Büchern von Momenten, Tagen, Jahren, - Wintern, Sommern -, in denen Menschen, Verwandte der Autorinnen, ihr Unglück, ihre Unterwerfung, ihre Entrechtung und Ermordung vor Augen hatten -- und eben damit umzugehen gezwungen waren.

Diejenigen, die diesen Menschen, deren Leben tatsächlich gewaltsam beendet wurde, das Unvorstellbare antaten, die ihnen das Leben nahmen - waren die Menschen, die vor uns zu unserem Volk gehörten (sowie deren Helfer aus anderen Nationen): unsere Vorfahren, Menschen wie Du und ich, solche wie alle, die heute mit uns leben.

Was kann man tun? Was lernen?

Die einen haben den Verlust, Leerstellen, den immerwährenden Schmerz.
Die anderen haben Ratlosigkeit und eine Chance, zu verstehen. Ja, wer immer sich heute im Recht, im unzweifelhaft guten Teil der Menschheit wähnt, erinnere sich: Die damals das kleine Kind, die junge Frau, den Vater mitnahmen und dem Tod entgegenstießen, fühlten sich ebenfalls als Gerechte! Sie meinten im Recht, auf der Seite der Richtigen, im Namen des Guten zu handeln, zu sein.

So also entdecken einige noch heute Qualen auf ihrer Ahnentafel, ins Leere führende "Lebensläufe", die den Atem nehmen-. Und andere - andere entdecken das Schweigen. 

Und, wenn sie bereit sind, die Frage an sich selbst.

Hillel aus Berlin



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