01.08.20

Das Kind im Park - mitten in Berlin




Wohin sich wenden in Berlin? Ob Tempelhof oder Charlottenburg, Johannisthal oder Mitte oder Zehlendorf -- überall ist es erst Jahre, wenige Jahrzehnte her, daß Menschen gejagt wurden. In ganz Berlin. In ganz Deutschland. Im Namen des Richtigen, der besseren Zukunft, der gerechteren Welt - aus Überzeugung und Leidenschaft wurden Menschen gejagt, gefaßt und getötet. Mann, Frau und Kind. Es war egal, was der Einzelne gedacht, gesagt, getan hatte - nur welcher Gruppe er zugehörig war oder welche Zugehörigkeit ihm zugesprochen wurde von den Jägern, entschied über sein Schicksal.

Der Jäger waren viele, sie waren überall, sie hatten Schreibmaschinen, Schreibtischstühle, Kameras, Zeichenstifte, Waffen, sie erschienen in Uniformen oder Zivilkleidung, sie waren einfach überall, in jedem Haus, jeder Straße, jedem Büro. Mit Argusaugen und Eifer. Deutsche, schien es, in ihrem Element. Im Namen des Guten und Wahren wurde allgegenwärtig vernichtet. Man war sich sehr einig.

Und es waren viele, die zuschauten. Mit kleinen Dingen halfen. Formulare schickten, das Vernichten in Amtsstuben sorgfältig vorbereiteten, verzeichneten, abrechneten. Die Schulungen durchführten, Haltungen überprüften, Meldungen erstatteten. Mitnickten, mitsangen, mitschlugen. Zuträger und Nachträger des Jagens.

Solche gab es, die die Nachbarn, den Schlüssel schon in der Hand, meldeten. Die in die Wohnungen der Verjagten einzogen. Umgehend. Die die Vernichteten für Ungeziefer hielten. In ihren Betten schliefen, von ihren Tellern aßen. (Bis heute.)

Viele auch, die die Jagd nicht sehen wollten und sich nicht einmal eingestanden, daß die Jagd gerade stattfand - denn beim Hinsehen und Wahrhaben hätten sie ja auch sich und ihr Nichtstun sehen müssen. Sie hielten ihre Zeitung fest in den Händen, denn dort stand, daß alles gut war und, was geschah, nur gerecht und nur die Richtigen traf. Wer etwas anderes behauptete, war selbst ein Feind und mußte zum Schweigen gebracht werden.

Manche gab es, denen war die Jagd zuwider. Weil sie einen gut kannten und mochten, der da nun verfemt, verhöhnt, gezeichnet, durch die Straßen geschleift und getötet wurde. Es war ihnen zuwider, sie fanden es unwürdig und ungerecht, aber sie vermieden jede Regung, taten nichts, denn  - hätten sie ihr Gesicht verzogen, ein Wort gewagt, eine Hand gereicht - wären auch sie auf die Jagdliste geraten, auf die LKWs, in die Lager und Kammern des Todes. Das wußten sie. Hielten still. Und wurden krank an Albträumen.

Einige wenige aber kümmerten sich nicht um Zeitungen, Regierung und Nachbarn. Sie brachten es nicht über sich, die Gejagten als Schablonen eines Bösen zu sehen, dessen Verschwinden alle und alles nun heilen würde. Sie sahen die Gejagten und sahen nicht Schablonen, sondern Menschen. Sahen ihre Augen, Gesichter. Sie hielten die Tür auf. Sie gingen hin und holten ein Kind zu sich. Sie hielten diese Vogelfreien der Medien, der Regierung, die Lieblingsfeinde ihrer Nachbarn weiter für Menschen. Sie halfen. Und halfen trotz des Schwertes, das dann über ihnen hing --- mit ihrem ganzen Leben.

Diese Geschichte berichtet genau davon - von jenen, die halfen. Und von denen, die gejagt wurden - in den Tod... durchs Land... in tiefste Gefahr.

Diese Geschichte wird erzählt von einer, die als kleines Kind von gänzlich Fremden gerettet wurde - mitten in Berlin. Im Februar 1943.

Soeben, Ende Juli 2020, bei rainStein erschienen: Das Kind im Park.
Autobiographie, mit Dokumenten und vielen Fotos.

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